Sagen und Geschichten rund um die Wasserburg Niederroßla - Wasserburg Niederroßla

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SAGEN UND GESCHICHTEN

Sagen und Geschichten rund um die Wasserburg Niederroßla

Miss Baba und die Kitzelbacher

Es war an einem frostigen Februartag des Jahres 1857, als sich eine riesige indische Elefantenkuh, die auf den wohlklingenden Namen Miß Baba hörte, auf Geheiß des Zirkusbesitzers Kreuzberg in einer schon altersschwachen Scheune im ältesten Stadtteil von Apolda, der Ritterstraße, einquartierte.
Der Direktor einigte sich schnell mit der Besitzerin, Madame Burkhard, und ein paar Silberlinge oder Gutegroschen wanderten von Hand zu Hand. Die Häuser in dieser Gegend, aber auch anderswo, waren nicht auf so kräftigen Besuch eingerichtet. Obschon Balken die Wände und Decken trugen, Steine und Lehm dem Ganzen Halt gaben, so drückte doch Miß Baba des nachts mit ihrem gewichtigen Hinterteil eine Wand ein und zwar nicht ohne Grund, denn aus dem Nebenraum drangen gar lieblich- süße Düfte.
Fressen!- fressen in der Jahreszeit, die nur karge Nahrung bot, mag wohl die Elefantendame gedacht haben, rückte und drückte bis dann schließlich die Wand zu dem dahinterliegenden Raum wich und sie den Haufen Runkelrüben genüßlich verschlang. Kurze Zeit später schon sollte dies zum Verhängnis werden.
Geeinigt hatte sich der Zirkusdirektor mit der Wittfrau über das Nachtquartier, jedoch nicht über den Schaden, von dem vorher freilich keiner ahnen konnte just zu der Zeit, als die ersten Gutegroschen den Besitzer wechselten. So verzögerte sich die Weiterreise und die Apoldaer Wittfrau war`s hernach zufrieden.
Der Tiertransport setzte sich in der folgenden Nacht, Miß Baba an der Spitze, in Bewegung und dies zu einer Zeit, da Bürger schliefen und auch die Fuhrwerker sich und den Pferden Ruhe gönnten.
Längst war nach Apolda Buttstädt als Ziel der großen Attraktion festgelegt. Große Plakate kündeten bunt und auffällig die Elefantenkuh an. Kurze Zeit erst war der Zug unterwegs, als sich bei Miß Baba infolge des maßlosen, doch eben lieblichen Nachtmahls üble Schmerzen, Koliken genannt, einstellten.
Dennoch trabte die indische Elefantenkuh getreulich ihren Weg, umgeben von einem Holzverschlag als Gitter, aber auch, um die Neugierigen von ihr fernzuhalten. Was wäre dies sonst für eine Attraktion? Vor Niederroßla bereits befielen neue Schmerzen das Tier, das sich bis dahin getreulichen wie die Elefanten des Hannibal tapfer Tag und Jahr der staunenden Menge vorführen ließ.
In einer Minute unerträglicher Schmerzen zerdrückte Miß Baba einen Teil des Verschlages, zersplitterte, was sonst Einhalt gebot und fügte sich zusätzlich Qual zu, als Holzsplitter tief in den Körper drangen und eine unheilahnende Blutspur hinterließen. In Niederroßla bei der Brücke schwanden dem Tier die Kräfte dermaßen, daß Direktor Kreuzberg an Miß Baba dachte, die Geschäftsinteressen und die Neugier mißachtend, den schweren Käfig entfernte und händeringend hoffte, die Attraktion des Zirkusunternehmens würde die alte Vitalität dadurch wiedererlangen. Vergebens!
Das Unglück wollte den Tiertransport nicht verlassen. Wer wollte es verhindern, daß Bürger herbeieilten, teils als Helfer, und weil gerade Fasnacht war, teils als feucht- fröhliche Leute, die eben zu später Stunde den Dorfkrug verließen, indem der heimatliche Gesangverein gesellig feierte und lustige Lieder die Runde erfreuten.
Tatenfroh und in bester Laune ergriffen die Sänger rasch Stöcke und Stangen und machten sich am Dickhäuter zu schaffen. Leise drang da die vom Dorfschulzen verbreitete Parole von Ohr zu Ohr, daß das todkranke Tier um jeden Preis über die Ortsgrenze geschafft werden müsse, weil im anderen Fall den Bürgern des Ortes eine Schadenspflicht drohe. Das verfehlte seine Wirkung nicht und halbwegs ernüchtert vervielfachten sich die Kräfte.
Die klagenden Worte des Elefantenbesitzers, sein Lamentieren, ging unter in den anfeuernden Rufen und lärmenden Hinweisen der Leute. Miß Baba quälte sich unter eifrigem Zutun der Niederroßlaer Schritt für Schritt, spürte die Stockschläge und vernahm, dem Zusammenbruch nahe, das drohende Geschrei.
Und als die Straße dorfausgangs nach Wersdorf steiler wurde, begehrte das blutende und von Schmerzen gepeinigte Tier nochmals wild in Todesangst auf, um für immer zusammenzubrechen.
Allerorts brachten Zeitungen davon Meldungen. Es entstanden darauf Gedichte und der Ort Niederroßla war in aller Munde. Sogar Laientheatervorstellungen erhitzten noch nachträglich die Gemüter. Ein Elefantenlied kündete von der Geschichte um das Tier. Sicherlich waren die Bürger, namentlich die Sänger, doch etwas betroffen vom Ausgang der Geschichte und taten kund, daß sie doch höchstens den Elefanten ein wenig gekitzelt hätten.
Nun machte der Spott die Runde und fortan  sprach man schmunzelnd von "Kitzelbach".
Da sich nur kluge Leute selbst zum Narren halten können, lachten die Niederroßlaer immer wieder über die Geschichte, vergaßen den Streit und die Anzeige des Direktors und erfuhren später von einer Milzbrandkrankheit, die Miß Baba, dem nun Niederroßlaer Elefanten, anheim gefallen war. Aus dem angestrengte Prozeß gingen die Sänger nach langen Verhandlungen als Sieger hervor.
Mit dieser Begebenheit wuchs eine einmalige Tradition. Der Elefant "Miß Baba" ziert neben der Kirche und dem Turm der Wasserburg das Wappen der Ortschaft.
50 Jahre nach der "Tat" feierten die Bürger Niederroßlas die Begebenheit und ab 1907 das Elefantenfest.
Im "Elefantental" zeigt eine Linde und ein Gedenkstein an, was den Ort lange Zeit und alle 25 Jahre neu bewegte. 1957 erlebten das Dorf und zahlreiche  Gäste den 100. Jahrestag - ein Volksfest im wahrsten Sinne des Wortes.
Ein schönes Elefantendenkmal am Anger berichtet davon und erinnert Bürger und Durchreisenden  gleichermaßen. Nach 1982, dem 125. Elefanten- Jahrestag, wurde 2007 wieder groß gefeiert, dann das 150. Jubiläum.
Die Bürger des Ortes, vor allem die Jugend, bewahren sich diese Tradition.
(P.S. Wer sich gut hält und neugierig auf das nächste Elefantenfest ist, sollte sich 2032 dick im Kalender vormerken.)

Neu erzählt nach dem Manuskript von Fritz Ehrlich,
Gespräche mit Bürgern und die freundliche Mithilfe des ehemaligen Bürgermeisters, Herrn Dubberke, ermöglichten diese Darstellung.


Zusammengetragen und Bearbeitet von Hartwig Mähler, Niederroßla

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